Bedürfnisse, Sehnsüchte und das, was uns menschlich macht
Die Würde des Menschen ist unantastbar
Eine der Grundmetaphern des Menschen ist die des Raumes. Wir denken in Oben und Unten, in innen und Außen, in Nähe und Distanz, in offen und eng in Schutz und Bedrohung.
Seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, in einem Raum aufgewacht zu sein, der ein anderer ist als der, in dem ich eingeschlafen bin.
Ich bin aufgewacht als eine scheinbar linksextreme Feministin. Und ich behaupte: Ich habe mich gar nicht verändert.
Aber der Raum um mich herum hat sich verändert. Er ist enger geworden. Die Grenzen des Sag- und Machbaren verschieben sich beinahe täglich.
Der Raum hat sich verändert für die demokratische Mitte. Für Frauen. Für alle, die an Gleichheit, Würde und Freiheit festhalten, ohne daraus ein Feindbild zu machen.
Einigkeit und Recht und Freiheit
Ich bin aufgewacht in einer Zeit, in der morgens Meldungen über Netzwerke auftauchen, in denen millionenfach über die Vergewaltigung, Erniedrigung und Betäubung von Frauen diskutiert wurde.Nicht zum ersten Mall sondern wieder. Mitten in einer Gesellschaft, die sich für aufgeklärt hält. Im Jahr 2026.
Von Gisèle Pelicot , die von ihrem Ehemann betäubt und zur Vergewaltigung angeboten wurde zu der Recherche von CNN.
CNN hat im März 2026 eine investigative Recherche veröffentlicht, die ein globales Netzwerk von Telegram-Gruppen und Online-Communities aufdeckt, in denen Männer Tipps austauschen, wie sie Frauen betäuben, sexuell missbrauchen und dabei unentdeckt bleiben können. Diese Gruppen, die teilweise als „Online-Vergewaltigungsakademie“ bezeichnet werden, sind mit Pornoseiten verknüpft, wo Videos von sedierten Frauen Hunderttausende Aufrufe haben.
Die Pornoseite, über die CNN auf die Telegram-Gruppen stieß, hat über 20.000 Videos mit solchem Inhalt die enorme Reichweite erzielen. Obwohl die genaue Zahl von 26 Millionen Aufrufen im Februar 2026 nicht explizit genannt wird, beschreiben Berichte eine massive Nutzung mit Millionen von Klicks und Zehntausenden Mitgliedern in den Gruppen.
Schon 2024 hat STRG_F Netzwerke aufgedeckt, mit Gruppen von Hunderten bis Zehntausenden Mitgliedern. Die Videos dazu gibt es bei YouTube zu sehen und die rauben mir den Atem und erzeugen ein innerliches Gefühl von Enge.
Der Raum wird weiter verengt
Aber Susanna, was hat das mit Hypnose zu tun fragst Du? Angst, Enge, Gefühle und die Verarbeitung von Wahrnehmnungen, Veränderungen und Transformationen.
Was in Gesellschaften und Organisationen wirkt, wirkt im Menschen.
Und ich bin aufgewacht in einem Raum, in der sich Fronten verhärten. Der Ton wird rauer, die Nerven dünner. Hier wir, dort sie. Hier die Vernünftigen, dort die Gefährlichen. Hier die Guten, dort die Bösen.
Kann das wirklich so einfach sein?
Das „Wir gegen Sie“ ist kein neues Phänomen. Es ist zutiefst menschlich. Wir bauen Grenzen, um uns zu orientieren. Wir schaffen Lager, um uns sicher zu fühlen. Wir ordnen die Welt in Zugehörigkeit und Ausschluss, in Freund und Feind, in innen und außen. Das ist es, was uns Halt gibt, das gibt uns Zugehörigkeit.
Psychologisch ist dieses Phänomen gut erforscht. Wenn Menschen sich bedroht fühlen, suchen sie nach Ordnung. Wenn ihnen Sicherheit fehlt, greifen sie eher zu einfachen Erklärungen. Wir beobachten das gerade weltweit.
Statt zuhören, differenzieren und verstehen, wird aus- und abgegrenzt.
Die Mauern werden gezogen, Grenzen gesetzt
Wir können gerade beobachten, wie „Schwächere“ gegen das „noch Schwächere“ ausgespielt werden. Not gegen Elend. Ohnmacht gegen Ohnmacht.
Angst stammt vom Wort Enge ab.
Wikipedia schreibt dazu:
„Das Wort „Angst“ stammt etymologisch vom indogermanischen **anghu-* „beengend, eng“ ab, über althochdeutsch angust und mittelhochdeutsch angest, und ist eng verwandt mit lateinisch angustus „eng“ sowie angustia „Enge, Bedrängnis“.
Die Metapher von Angst als „Enge“ oder Bedrängnis hat eine lange literarische Tradition. Von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne führt der Weg. Und ist oft mit Raum, Körper und Existenz verbunden. Sie zeigt, wie uns eine Bedrohung den Atem nimmt, unsere Wahrnehmung einengt.
Aus Tillmann Köppe Hermeneutische Blätter:
„Für die Stimmung der Angst ist charakteristisch, dass die Welt (sozusagen im Ganzen) als bedrohlich erfahren wird. Das unterscheidet die Angst (als eine Stimmung) von Emotionen, für die charakteristisch ist, dass sie stets einen konkreten Gegenstand haben. Oft gegenübergestellt werden die Stimmung Angst und die Emotion Furcht: Diese gilt etwas Bestimmtem, d.h., wer sich vor etwas fürchtet, kann stets angeben, was es ist, wovor er oder sie sich fürchtet. Das ist bei Angst anders; wer sich im Zustand der Angst befindet, kann keinen einzelnen Gegenstand benennen, vor dem er oder sie Angst hat und der als Ursache der Angst gelten kann.“
Danach lasst uns alle streben
Dabei sehnen wir uns im Kern nach Sicherheit. Nach Würde. Nach einem Leben ohne ständige Abwertung. Nach einem Raum, in dem wir atmen können.
Ein weiter Raum, in dem wir kreativ und sicher sein können. Ein Raum, in dem wir uns als handlungsfähig erleben.
Und genau deshalb ist das Gefühl von Sicherheit Voraussetzung für Entwicklung. Für Kreativität. Für Beziehung. Für Veränderung. Kein Mensch denkt freier, wenn er sich bedroht fühlt. Kein Team wird innovativ, wenn es sich permanent absichern muss. Kein Wandel gelingt, wenn als Verlust oder Verzicht erlebt wird.
Das Change-Management und jede Person, die mit Veränderungen arbeitet, weiß das längst: Transformation funktioniert nicht aus Unsicherheit. Sie braucht einen sicheren Ausgangspunkt. Einen nächsten Schritt, der erreichbar ist. Machbar.
Um den fantastischen Professor Peter Kruse zu zitieren:
"(In einer Firma) sollte die Bereitschaft bestehen, sich von einem stabilen Zustand über eine krisenhafte Störung zu einem neuen, stabilen Zustand zu bewegen. Aber das Ziel ist immer das stabile Funktionieren auf einer Ordnungsebene. Und nicht das Driften zwischen Ordnungszuständen. Es geht nicht darum, eine psychotische Firma zu erzeugen, sondern eine lebensfähige. Und Lebensfähigkeit heißt eine Fähigkeit zum Übergang zwischen Ordnungsmustern, die dann aber bitteschön wieder stabil sind, sonst bin ich nicht handlungsfähig."
Ohne Sicherheit keine Veränderung, sondern Überforderung. Und Überforderung kippt schnell in Abwehr. Das wäre dann schon ein nächster Beitrag, in dem es um Reaktanz gehen könnte. Nur in Kürze: Wenn Menschen sich in Ihrer Freiheit bedroht fühlen, widersetzen sie sich wie reflexhaft um die eigene Autonomie zurückzugewinnen. Es wirkt wie Trotz und Fußstampfen ist aber eine Form von Abwehrmechanismus. Es hat für diese Personen einen guten Grund. Ob Außenstehende diese individuellen Gründe nun gutheißen oder nicht.
Vielleicht ist das auch gesellschaftlich unser größtes Problem im Moment: dass viel zu oft von oben verunsichert wird, statt Orientierung zu geben. Dass man Menschen nicht mitnimmt, sondern gegeneinanderstellt. Dass man Angst politisch nutzt, statt Vertrauen zu schaffen.
Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand
Um meine Handlungsfähigkeit zu erhalten oder zumindest das Gefühl davon engagiere ich mich. In Vereinen und ehrenamtlich.
In meiner Praxis für Hypnose arbeite mit Menschen daran, wieder innere Sicherheit zu finden. Als Fundament für Handlungsfähigkeit und würdevolle, aus sich selbst heraus stärkende Veränderungen.
Weil aus Sicherheit und dem Gefühl von Weite bei gleichzeitiger liebevoller Verbindung mit sich selbst Wachstum entsteht. Und aus Verbindung entsteht Begegnung in selbstgestalteten Räumen.
Für mich ist das die hilfreiche Bewegung im Raum. Zu diesem sich weitenden Raum. Statt "wir gegen die" mehr Mut zu Gemeinsamkeiten. Ein Hin zu dem, was uns verbindet. Unsern Wünschen und Sehnsüchten. Fernab von Machtstreben und verkrusteten und veralteten Strukturen.
Ein Gefühl von Weite
Vielleicht sind wir uns im Kern näher, als wir es in unseren harten Außengrenzen noch erkennen. Vielleicht eint uns mehr, als uns trennt. Und dann braucht es nur noch etwas Mut. Also los, lasst uns mutige Banden bilden und die engen Räume wieder weiten. Wie die Menschen, die sich in meiner Praxis verändern. Und dann füllen wir die sich weitenden Räume wieder an. Wir verbinden uns.
