Wir müssen über Tony Robbins reden
Es gibt Momente, die mich innerlich aufheulen lassen. In der letzten Zeit geschieht das recht häufig und ich wünschte, es wäre anders.
Jedenfalls:
Ein solcher Moment war, als ich die Berichterstattung zu der exklusiven privaten Vorführung des Dokumentarfilms Melania im Weißen Haus am 24. Januar 2026 mitbekam. Die Gästeliste war bemerkenswert. Präsidial geradezu.
Es war eine handverlesene Gästeliste prominenter Persönlichkeiten. Menschen, die teilweise enorme wirtschaftliche, politische und kulturelle Macht haben. Unter den etwa 70 VIP-Gästen waren unter anderem Queen Rania von Jordanien, Tim Cook, der CEO von Apple, Mike Tyson, die bekannte Fotografin Ellen von Unwerth, selbstverständlich auch Erika Kirk - die Witwe des ermordeten rechtsextremen Podcasters Charlie Kirk und eben Tony Robbins.
Es gibt ein Foto, auf dem Tony Robbins lachend mit Erika Kirk zu sehen ist. Lachend, entspannt und im schicken Smoking, eingebettet in die Kulisse einer Elite, die sich selbst feiert.
An dem Abend des Tages, an dem der 37-jährige Alex Pretti, Intensivkrankenpfleger aus Minneapolis, von der ICE Miliz erschossen wird. Es existieren mehrere Videos aus unterschiedlichen Perspektiven, die diesen Vorfall dokumentieren und in seiner ganzen unfassbaren Grausamkeit zeigen.
Für mich als Coach ist dieses Bild von Robbins kein zufälliger Schnappschuss. Dieses Bild ist ein Statement.
Es markiert eine sichtbare Allianz zwischen einer bestimmten Form von High-Performance-Coaching und einer politischen Bewegung, die zunehmend auf Dominanz, emotionale Entkoppelung und strukturelle Ausgrenzung setzt.
Gerade jemand wie Tony Robbins, der vermutlich bekannteste Motivationstrainer und Coach der Welt.
Der übrigens auch 2026 wieder einmal in Deutschland auf der Greator-Bühne stehen wird. Angekündigt sind 4 Tage, die Kosten dafür zwischen 850,00 EUR und knapp 4.000 EUR. Dafür wird es wie im System Robbins üblich vermutlich auch reichlich Marketing für dies und das und weitere seiner Seminare geben. In einem Video von Ernst Neumeister wird genau auf diese spezielle Art von, wie er sagt, "manipulativen Verkaufstechniken" eingegangen. So soll in London während der Trancen explizit auf weitere Seminare hingewiesen worden sein.
Schall und Rauch
Diese Großevents laufen wie eine gut geölte Motivationsmaschine. Gemeinsamkeiten, Tänze und Rituale und alles läuft auf das große Feuerlaufen am ersten Abend hinaus. Selbstverständlich setzt das Energien frei, die der Meister und sein gut eingespieltes Team professionell anführen.
Wie Gefühle Politik machen
Wer jetzt nichts sagt, macht sich mitschuldig. Wir müssen Farbe bekennen. Tony Robbins hat es getan und ich halte es für eine ethische Verpflichtung es auch zu tun. Gerade weil mir das "gute"Coaching wichtig ist und weil alles politisch ist.
„Weil fast jede Informationsweitergabe, die wir als Menschen tätigen, politisch ist. Weil fast jede noch so kleine Form der Kommunikation etwas über meine Überzeugungen und Werte aussagt. Etwas darüber aussagt, was ich als Senderin für »richtig« und was für »falsch« halte.
Was ich für »angemessen« und was für »unangemessen« halte.
Was ich »zeitgemäß« und was »veraltet« finde. Was ich »glaube«, wem ich vertraue und wem ich misstraue. Das alles ist immer politisch. Aus dem einfachen Grund, weil all das unser Zusammenleben betrifft. Nichts anderes ist Politik in ihrem ursprünglichen Sinne.“
Maren Urner in „Radikal emotional“
Coaching ist für mich untrennbar mit Werten und Haltung verbunden.
1. Der Sündenfall: Coaching als politisches Machtinstrument
Die Verbindung zwischen Tony Robbins und der höchsten politischen Ebene ist gut dokumentiert.
1998, auf dem Höhepunkt der Lewinsky-Affäre, suchte Bill Clinton Rat bei Robbins. Es ging dabei nicht um politische Inhalte, sondern um Haltung, Wirkung und Präsenz. Ist es nicht auch interessant, dass von der „Lewinsky-Affäre“ die Rede ist? So als wäre der damals mächtigste Mann der Welt da so reingeschlittert.
Aus meiner Sicht wurde hier eine explosive und unheilvolle Allianz geschaffen:
die Entkoppelung der Physiologie der Wahrheit vom Fakt der Wahrheit. Wer nur genug vermeintliche Wahrheit ausstrahlt, hat sie auch.
Robbins, der seine rhetorischen Grundlagen meiner Kenntnis nach im Neurolinguistischen Programmieren (NLP) bei John Grinder lernte, coachte den damaligen Präsidenten darin, über Atemtechniken, Körpersprache und Zustandsmanagement eine Unantastbarkeit auszustrahlen, die jede inhaltliche Anschuldigung als „Angriff von außen“ reframen konnte.
Das ist kein Coaching im Sinne von Entwicklung. Das ist Machttechnik.
2. Die Hexenjagd“
Der Begriff „Hexenjagd“ ist historisch untrennbar mit der systematischen Verfolgung und Vernichtung von Frauen verbunden.
Dass heute ausgerechnet mächtige Männer diesen Begriff nutzen, um sich gegen Kritik, Ermittlungen oder gesellschaftliche Verantwortung zu immunisieren, ist kein Zufall, sondern ein psychologischer Schachzug.
Clintons Sprecherteam nutzte öffentlich die Formulierung “political witch hunt’”, um die Ermittlungen des Sonderermittlers Kenneth Starr gegen Clinton im Zusammenhang mit der Beziehung zu Monica Lewinsky als parteiisch und politisch motiviert zu charakterisieren.
Es ist das ultimative und misogyne Reframing:
Der Inhaber massiver Ressourcen stilisiert sich selbst zum Opfer einer angeblich hysterischen Verfolgung. Der Begriff „hysterisch“ ist dabei selbstverständlich kein Zufall, sondern ein historisch aufgeladener Machtbegriff. Er wurde über Jahrhunderte genutzt, um vor allem Frauen zu delegitimieren, ihre Wahrnehmung zu pathologisieren und berechtigte Kritik als emotionalen Kontrollverlust umzudeuten. Wer ihn heute verwendet, knüpft bewusst oder unbewusst an diese Tradition an und entzieht Betroffenen erneut ihre Deutungshoheit.
Diese Taktik ist längst fester Bestandteil einer politischen Kultur geworden, die den Rechtsstaat als Bedrohung empfindet und Emotion systematisch über Fakten stellt.
3. Das Life-Event 2018: Wenn Coaching zur Entmündigung wird
Besonders deutlich wurde Robbins’ Haltung während eines öffentlich dokumentierten Life-Events im Jahr 2018.
In einer Auseinandersetzung mit der Teilnehmerin Nanine McCool griff er die #Me-too-Bewegung frontal an.
Seine Behauptung:
Frauen würden #Me-too nutzen, um Männern gezielt zu schaden und sich über eine Opferrolle ein Gefühl von Bedeutsamkeit („Significance“) zu verschaffen.
In psychologischen Fachkreisen wird diese Art der Intervention massiv kritisiert. Robbins nutzt Methoden, die er als „Intervention“ bezeichnet, die aber häufig Züge eines destruktiven Reframings oder des sogenannten „Breaking the State“ tragen.
Dabei wird das Gegenüber physiologisch und emotional so unter Druck gesetzt, dass Widerstand zusammenbricht.
Was als „Durchbruch“ verkauft wird, ist aus therapeutischer Sicht oft eine öffentliche Demütigung, bei der biografische Verletzungen und traumatische Erfahrungen entwertet werden.
Das ist keine Hilfe. Das ist Machtausübung. Er ist Multimillionär. Er macht große Veranstaltungen und hat wahrscheinlich wirklich vielen Menschen geholfen. Als ich begann, mich intensiver mit Tony Robbins auseinanderzusetzen, hat mir sein Verhalten nicht gefallen. Es wirkt auf mich massiv dominant. Er wirkt wie der schlechteste Hunde- oder Pferdetrainer, den ich mir vorstellen kann. Er ist riesig groß, er baut sich auf, er nutzt seine gesamte körperliche Präsenz, um zu dominieren. Das ist auch eine Form von Ego-State Arbeit. Das macht er gut - bei mir löst es Unbehagen aus.
4. Das Muster der Macht: 1985 bis heute
Die Vorwürfe gegen Tony Robbins folgen seit Jahrzehnten einem konsistenten Muster, wie unter anderem investigative Recherchen von BuzzFeed News (2019) zeigen:
1985: Berichte über schwerwiegende Grenzüberschreitungen in einem Sommercamp
Abwertung als Methode: Kritiker*innen werden systematisch als emotional instabil, schwach oder „nicht leistungsfähig“ markiert
Juristische Zermürbung: Langjährige Verfahren, unter anderem in Irland, die erst 2025 eingestellt wurden. Wikipedia dazu: "Nach mehreren Jahren Rechtsstreit kündigte Robbins im Jahr 2025 an, dass er die Klage gegen BuzzFeed eingestellt bzw. den Rechtsstreit nicht weiter verfolgt. Dies bedeutet, dass der Fall nicht in einem vollständigen Urteil oder einer gerichtlichen Entscheidung endete, sondern schlicht nicht weiter betrieben wurde."
Es geht hier nicht um einen Einzelfall. Es geht auch hier um ein System. Ein System, das meiner Ansicht nach auch für das steht, für welches die MAGA-Bewegung unter anderem bekannt ist. Es geht um Hypermaskulinität und es geht um Frauenfeindlichkeit.
Und all das finde ich ekelhaft und abstoßend. Für mich ist er möglicherweise auch ohne eigenes Zutun einer der Gründerväter von diesem fiesen Frettchen Andrew Tate. Ich glaube, viel von dieser Incel-Macho-Coach-Bewegung gäbe es ohne Tony Robbins nicht. Viele beziehen sich auf Tony Robbins' Motivationsmethoden. All diese unseriösen „Alpha-Coaches“, die keine Haltung haben, denen es komplett an Demut und Achtung fehlt.
Für mich sollte eine Person, die mit Menschen arbeitet, an dieser Stelle Stellung beziehen. Und wer das nicht tut, hat Stellung bezogen.
5. Werte sind keine Fußnote
Während meiner Ausbildung zum Business Coach und Business Trainer war eine der zentralen Fragen:
Wofür stehe ich? Wofür gehe ich? Und für welchen Betrieb oder welche Personen würde ich nicht arbeiten?
Werte sind kein dekoratives Beiwerk für eine beliebige Philosophie auf einer Website oder im Verkaufstext. Werte sind ein innerer Kompass. Fixsterne.
Wer mit Menschen arbeitet, arbeitet mit Vertrauen, mit Verletzlichkeit in biografischen Tiefen.
In dieser besonderen Arbeit muss der Raum geschützt sein und zur sicheren Entfaltung einladen.
Bei einem MAGA hypermaskulinem Alpha-Dude, würde ich mich als Frau niemals sicher fühlen, zumal seine manipulativen Methoden eine hohe Wirkkraft erzeugen.
6. Das Ende der falschen Vergleiche
Und wer mir jetzt mit Andreas Türk oder Jörg Kachelmann kommt, verfehlt den Punkt.
Denn genau diese Vergleiche sind Teil desselben Problems.
Hier geht es nicht um einzelne juristische Fälle, sondern um strukturellen Machtmissbrauch über Jahrzehnte, um Bühnen, Abhängigkeiten und Systeme, die Kritik systematisch delegitimieren.
Wer diese Ebenen gleichsetzt, ist mitgemeint.
Fazit: Neutralität ist keine Option
Tony Robbins im Weißen Haus ist kein harmloser Promi-Moment. Es ist das Symbol für die Professionalisierung der Arroganz.
Während auf den Straßen Menschen erschossen werden, die ihr verfassungsmäßiges Recht ausüben, wird drinnen der Schulterschluss vollzogen.
Robbins nennt einen Teil seiner Arbeit „emotionale Beherrschung“. Die brauche ich bei diesen Bildern. Als Coach finde ich das Wort „Beherrschung“ abstoßend.
Neutralität gibt es hier nicht.
„Wer sich dann „neutral“ nennt, entzieht nicht beiden Seiten etwas, sondern nur der schwächeren.“
Robbins hat kommunikative Werkzeuge aus dem NLP und der Hypnose genutzt, um ein System der Dominanz zu erschaffen, das hervorragend zur MAGA-Ideologie passt:
die Unterwerfung der Wahrheit unter den emotionalen Zustand des Stärkeren.
Und das kotzt mich an. Pardon my French.
Wer mit Menschen arbeitet, sollte den Mut haben, sich für Menschen zu entscheiden. Nicht für Macht. Und da wären wir wieder beim Verkaufs- und Marketinggenie.
